27.4. – 16.5.2017 KFS in Indien

Vom 26. April bis 16. Mai waren vier KFS-Mitarbeiter*innen des Projekts in Indien auf Feldforschung. Nach Gesprächen mit Akteuren des nationalen Katastrophenmanagements in Neu-Delhi forschten sie im Bundestaat Odisha zum Umgang der Bevölkerung mit Hitzewellen und in Uttarakhand zur Situation der Bevölkerung vier Jahre nach der Flut 2013. Ziel war es, verschiedene Wahrnehmungen von Vulnerabilität zu beleuchten und ein besseres Verständnis interkultureller Aspekte von Vulnerabilität und Resilienz zu gewinnen.

Interview in Uttarakhand

Daniel F. Lorenz und Cordula Dittmer analysierten in einer Fallstudie im indischen Bundesstaat Uttarakhand Ursachen und Folgen der Katastrophe 2013. In der im Himalaya situierten und durch massiven Pilgertourismus geprägten Region starben durch Starkregen, Sturzfluten und Landrutsche mehr als 15.000 Menschen. Die Schäden an Infrastrukturen und Livelihoods sind bis heute noch nicht gänzlich bewältigt bzw. es treten immer noch Folgeschäden auf, die nicht mehr finanziell kompensiert werden. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Fragen, welche unterschiedlichen Konzeptionen von Vulnerabilität und Resilienz es im vorliegenden Fall gibt, wie die Katastrophe gedeutet wird und wie die Akteure des Katastrophenschutzes aus den Ereignissen gelernt haben.
Die Ereignisse von 2013 werden in der indischen Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert: Der Staudammbau und die damit verbundene wenig nachhaltige Umweltschutzpolitik, Klimawandelaspekte oder das Versagen des Katastrophenschutzes sind Gegenstand von intensiven Auseinandersetzungen zwischen politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Besondere Bedeutung kommt allerdings – dies ist das zentrale Ergebnis der Studie – dem Tourismus zu, der als bedeutende wirtschaftliche Einkommensquelle die Menschen der Region besonders vulnerabel für Katastrophen macht. Obwohl dies viele insbesondere Akteure aus der Umweltbewegung und auch dem Tourismus selbst bewusst ist, setzte die Regierung mit Unterstützung internationaler Geber wie der Weltbank bereits kurz nach der Katastrophe auf eine erneute Stärkung des riskanten Tourismus in der Region ohne weitreichende Lehren aus den Ereignissen gezogen zu haben.

Trinkwasserlieferung im ländlichen Raum Odishas

Die Mitarbeiterinnen Bettina Wenzel und Jessica Reiter führten eine Fallstudie zu Hitzevulnerabilität in Odisha durch. Die Region ist jährlich von Hitzewellen betroffen, die den Alltag der Menschen auf verschiedene Weise beeinflussen und in deren Kontext es immer wieder zu Todesopfern kommt. Hierzu wurden in Bhubaneswar und Puri 15 qualitative Interviews mit Expert*innen im behördlichen Heat Wave Disaster Management sowie mit Vertreter*innen von NGOs geführt. Mit der Unterstützung lokaler Organisationen wurden Betroffene in ländlichen und urbanen Gebieten Odishas nach ihrer Wahrnehmung von Hitzewellen befragt. Während die Ursachen von Hitzewellen und ihr Zusammenwirken mit anderen Umweltveränderungen recht unumstritten zu sein scheint, zeigten sich bei der subjektiven Bewertung der Betroffenheit und des Leides, welches mit den Hitzeperioden verbunden ist, deutliche Unterschiede zwischen den Experten und Betroffenen. Weiterhin konnten unterschiedliche Anpassungs- und Bewältigungsstrategien beleuchtet werden, die interessante Erkenntnisse im Kontext schleichender Katastrophen und subjektiver Bewertung der eigenen Vulnerabilität generieren können. Hierbei zeigten verschiedene Aspekte urbaner und ländlicher Identität, aber auch ganz pragmatische Dinge wie der Bedeutung des Zugangs zu Wasser.